{"id":2044,"date":"2020-07-30T12:10:00","date_gmt":"2020-07-30T10:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/?p=2044"},"modified":"2022-10-13T21:41:12","modified_gmt":"2022-10-13T19:41:12","slug":"sommernacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/sommernacht\/","title":{"rendered":"Sommernacht"},"content":{"rendered":"<p>Ich liebe diese schw\u00fcl hei\u00dfen N\u00e4chte von denen es hier bei uns nur so wenige gibt, dass man sie an einer Hand abz\u00e4hlen kann. Diese N\u00e4chte, in denen man nackt und bei ge\u00f6ffnetem Fenster im Bett liegt, der Schwei\u00df in Str\u00f6men flie\u00dft und an Schlaf nicht zu denken ist. Wenn die feuchten Laken an einem kleben und drau\u00dfen nur streitende Katzen zu h\u00f6ren sind, deren Miauen klingt, als weinte ein Baby. Kein L\u00fcftchen scheint sich zu bewegen. Kein Mond und kein Stern ist in der milchigen Luft zu sehen. Es ist die Zeit zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>So lag ich wohl zwei oder drei Stunden und die Gedanken m\u00e4anderten durch das weite Tal meiner Erinnerungen. Ich betrachtete sonnige Wiesen und kostete vom s\u00fc\u00dfen Nektar l\u00e4ngst vergangener Dinge. Ich sp\u00e4hte in schattige Winkel, wo sich bereits Moos auf den schweren Felsbrocken der Vergangenheit angesetzt hatte; warf kurze Blicke hinter diese oder jede Flu\u00dfbiegung und entdeckte l\u00e4ngst Vergessenes, doch ich verweilte nirgends l\u00e4nger. Synaptische Verbindungen entstanden spontan, Bilder formten sich vor dem inneren Auge und l\u00f6sten sich kurze Zeit sp\u00e4ter schon wieder auf, bevor sich ein bewusster Gedanke manifestieren konnte. Irgendwann stand ich auf und ging ins Badezimmer, um einen Schluck aus dem Wasserhahn zu trinken. Das Wasser war k\u00fchl und vertrieb die wohlig-schwere M\u00fcdigkeit, die mich, wenn auch nicht schlafen, so wenigstens doch d\u00f6sen lie\u00df. Nun aber war ich hellwach. Ich beschloss auf die Stra\u00dfe hinauszugehen und einen Spaziergang zu machen.<\/p>\n<p>Ich ging durch die menschenleeren Stra\u00dfen. Der Asphalt strahlte die gespeicherte Hitze des Tages zur\u00fcck. Mir war, als ginge ich \u00fcber eine Glut, die tief unter mir loderte. Bereits nach wenigen Minuten kam mir der ehrw\u00fcrdige Kaplan Winterhalder entgegen. &#8222;Es wird Regen geben&#8220; sagte er, ohne ein Wort der Begr\u00fc\u00dfung oder der Verwunderung, mich hier weit nach Mitternacht zu treffen. &#8222;Ja&#8220; entgegnete ich mechanisch. Er trug sein komplettes Ornat als w\u00e4re er gerade auf dem Weg zur Ostersonntagsmesse. In der linken Hand hielt er etwas metallisches, dass ich nicht genau erkennen konnte. Das Kreuz, dass an einer silbernen Kette um den Hals baumelte hing verkehrt herum. Und seine Augen, seine Augen waren ger\u00f6tet. Hatte er geweint? Oder nur dem Me\u00dfwein zu sehr zugesprochen? Trotzdem sprach er weiter, im ruhigen Plauderton. &#8222;Diese Hitze, schrecklich. Sie macht sei Menschen wahnsinnig. \u00dcberall treiben sie es. In H\u00f6fen, in G\u00e4rten. Auf offener Stra\u00dfe. Schamlos. Wie die Tiere.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Da schau an&#8220;, dachte ich und konnte mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen , &#8222;der Herr Kaplan&#8220;. Schleicht nachts durch die Stra\u00dfen, spannt herum und geilt sich daran auf.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sah er mich unwirsch an, als ob er meinen Gedanken gelesen h\u00e4tte. Er wollte etwas sagen, z\u00f6gerte aber. Etwas schien ver\u00e4ndert. Das ganze Dorf schien mit einem Mal wach zu sein. Ich h\u00f6rte Wortfetzen, Gemurmel, Stimmen, verstand aber kein Wort davon. Die Trommeln waren zu laut. Sie spielten einen hypnotischen Rhythmus. Ich f\u00fchlte mich beobachtet.<br \/>\n&#8222;Ich bin nicht der, der ich zu sein scheine&#8220; sagte er zusammenhanglos. &#8222;Warum erz\u00e4hlen Sie mir das alles? Ich bin nur ein Spazierg\u00e4nger&#8220;. &#8222;Ich war schon einmal hier, aber das ist lange her. Ich bin es so satt&#8220;.<br \/>\n&#8222;Was? Den Regen?&#8220;<br \/>\nEr funkelte mich an. &#8222;Nein, du elender Wurm! Die Dummheit der Menschheit. Nichts hat sie gelernt in 2000 Jahren. Was aber wird sein, wenn der Herbst kommt? \u00dcberall riecht es nach menschlichen \u00dcberresten. Die Kr\u00e4hen wetzen die Messer, die Geier kreisen.&#8220;<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich unbehaglich und wendete mich ab. Ich wollte gehen. Dies war kein guter Ort.&nbsp;&#8222;Was ist mit dir, mein schlafloser Freund?&#8220; rief er mir nach. &#8222;Der mir Gesellschaft leistet in dieser besonderen Nacht. Was ist mit dir? Ich habe dich lang nicht mehr gesehen in der Beichte. Du solltest bekennen. Denkst du nicht auch? Die kleine Notl\u00fcge am vergangen Samstag, als du deiner Frau verheimlicht hast, dass du gar nicht im Fitnessstudio warst? Oder das Geld, dass du im Keller hortest und von dem sie nichts wei\u00df? Oder dass du tr\u00e4umst? Nacht f\u00fcr Nacht? Von Blut? Von blankem Stahl? Von roher Geilheit? Von penetrierten \u00c4rschen? Von der Nutte, die du jede zweite Woche besuchst und die du bezahlst damit sie dir Nadeln im die Eier sticht?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Herr Kaplan&#8220; stammelte ich und drehte mich widerwillig zu ihm um. &#8222;Ich muss doch sehr bitten. Sie verwechseln mich!&#8220;. Was redete ich nur f\u00fcr einen Unsinn? Wieso redete ich \u00fcberhaupt mit ihm? Wieso f\u00fchlte ich mich eingesch\u00fcchtert? Mir wurde schwindlig, die Hitze, der Rhythmus der Trommeln. Das war zu viel. Der Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen begann zu schwanken. Um mich herum kreischten alte Weiber in Kittelsch\u00fcrzen und spuckten zornig auf den Boden.<\/p>\n<p>&#8222;Schweig!&#8220; fuhr er mich an. Er war gewachsen, und nun bestimmt drei Meter hoch. Er beugte sich zu mir hinab und ich roch den Schwefel in seinem Atem. Mir wurde schlecht. Das Gekreische schwoll zum Orkan. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. &#8222;Hast du dir wirklich nie vorgestellt wie es w\u00e4re in den Ged\u00e4rmen einer drallen Zwanzigj\u00e4hrigen zu w\u00fchlen? Die W\u00e4rme zu sp\u00fcren, das Pulsieren ihres Blutes. &nbsp;Wie es w\u00e4re&#8230;&#8220; er br\u00fcllte mich weiter an, doch ich konnte nichts mehr verstehen. Laute Musik drang aus den ge\u00f6ffneten Fenstern. Ein alter Schlager, melancholisch und rau zugleich. Die alten Weiber kn\u00f6pften sich die Sch\u00fcrzen auf und begannen zu tanzen.<\/p>\n<p>Ich schreckte auf als die ersten Tropfen fielen. Das Glas war mir aus der Hand gerutscht und auf dem Boden in tausend St\u00fccke zerbrochen. Ich war unendlich m\u00fcde. Es war Zeit schlafen zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich liebe diese schw\u00fcl hei\u00dfen N\u00e4chte von denen es hier bei uns nur so wenige gibt, dass man sie an einer Hand abz\u00e4hlen kann. 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