{"id":2025,"date":"2016-06-07T09:21:06","date_gmt":"2016-06-07T07:21:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/?p=2025"},"modified":"2022-10-13T21:41:38","modified_gmt":"2022-10-13T19:41:38","slug":"frueher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/frueher\/","title":{"rendered":"Fr\u00fcher war alles besser"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war alles besser &#8211; nein, diesmal ist es ausnahmsweise nicht <del>Opa<\/del> der Autor dieser Zeilen, der alte Sack, der nostalgisch wird, sondern viele der sogenannten &#8222;besorgten B\u00fcrger&#8220; entdecken zur Zeit ihre Liebe zu den Jahren zwischen 1950 und 1989.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Warum auch nicht? War ja auch kuschelig damals. Also sofern man zuf\u00e4llig auf der richtigen Seite des eisernen Vorhangs geboren wurde, in der &#8222;alten Bundesrepublik&#8220;. Gut, wir standen am Rande der nuklearen Vernichtung, aber irgendwas ist ja immer. Und ja, Umweltschutz hatte damals noch nicht ganz den Stellenwert, den er heute hat. Der Rhein blubberte in allen Regenbogenfarben und der Schwarzwald war auf dem besten Wege zuk\u00fcnftig weder Schwarz noch Wald zu werden. Aber das war erstmal kein Thema. Es war ja Wirtschaftswunder. Daf\u00fcr galt das Schlagen von Kindern noch als Tugend. M\u00f6chte mal sehen, wie viele der jungen Nachwuchsnazis sich nach einer Mathestunde mit einem rohrstockschwingenden Sadisten als Lehrer schnell ins Jahr 2016 zur\u00fcck w\u00fcnschen w\u00fcrden.<br \/>\n&#8222;Besorgte B\u00fcrger&#8220;, wenn ich das schon h\u00f6re. Fr\u00fcher hie\u00df das Blockwart und war der Albtraum aller Mieter. F\u00fchrers direkter Stellvertreter in jedem Haus. Ich kann mich noch sehr gut erinnern an Frau B., damals, Ende der Siebziger Jahre, im Sechsfamilienhaus der &#8222;Neuen Heimat&#8220;. Lockenwickler und Kittelsch\u00fcrze. Dazu ein Blick, der selbst Chuck Norris die Tr\u00e4nen in die Augen treiben w\u00fcrde. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit; kaum war ein Ger\u00e4usch im Treppenhaus zu h\u00f6ren, da hing sie schon am T\u00fcrspion. Waren es dann Kinder, flog die T\u00fcr in weitem Bogen auf und ein gebelltes &#8222;Seid endlich still ihr Rotzl\u00f6ffel&#8220; schallte ihnen entgegen. Untermalt vom bedrohlichen Schwingen des Besen. Etwas anderes kam ihr nicht \u00fcber die Lippen. Also, au\u00dfer infamen L\u00fcgen \u00fcber alles und jeden. Vor allem \u00fcber die &#8222;anderen&#8220;. Die &#8222;anderen&#8220; &#8211; das waren die Gastarbeiter, die seit Neuestem in der Stra\u00dfe wohnten. So gut ging es unserem Land damals, dass wir <del>Menschen<\/del> billige Arbeitskr\u00e4fte aus aller Herren L\u00e4nder anwarben, damit sie die Drecksarbeit des Wirtschaftswunder machen sollten, f\u00fcr die sich die Einheimischen schon wieder zu schade waren. Man war schlie\u00dflich wieder wer. Abseits der Arbeit sollten sich die &#8222;Fremden&#8220; m\u00f6glichst unsichtbar machen und sich auf gar keinen Fall integrieren. Waren ja &#8222;Gastarbeiter&#8220;. Und der Begriff impliziert es bereits. G\u00e4ste gehen bald wieder.<br \/>\nNun, es kam bekanntlich anders. Giovanni verliebte sich in Isolde und zeugte viele Bambini, Ali holte seine Ayshe aus Ankara nach Kreuzberg. Und sie blieben.<br \/>\nAber wir haben ja zum Gl\u00fcck unsere Regierung. Keine 50 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter zu uns kamen, wird schon \u00fcber Integration geredet. Und nach Jahrzehnten der Ausgrenzung und Ignoranz hei\u00dft es jetzt gleicherma\u00dfen emp\u00f6rt wie \u00fcberrascht &#8222;die wollten sich gar nicht integrieren&#8220;&#8230;<\/p>\n<p>Der Umgang mit der Zuwanderung ist &#8211; neben der Rente &#8211; seit Jahrzehnten das epochalste Versagen der Politik (hier kann man ruhigen Gewissens pauschalisieren, denn es trifft alle gleicherma\u00dfen). Ich habe bereits in den Achtzigern in der Schule gelernt, das zuk\u00fcnftige Konflikte nicht mehr Ost-West sondern Nord-S\u00fcd (und damit Armutsmigration) betreffen werden. Die Politik hat damals scheinbar im Unterricht nicht so gut aufgepasst &#8211; und als es dann wirklich so kam, schaffte es die Regierung, das Land innerhalb eines Jahres tief zu spalten. Es gibt nur noch daf\u00fcr oder dagegen. Zwischent\u00f6ne sind nicht gefragt. Eine Schublade f\u00fcr die Nazis, eine f\u00fcr die linksversifften Gutmenschen. Dazwischen gibt es nichts.<br \/>\nWortgewaltig\u00a0versucht die Politik, ihre Hilflosigkeit zu \u00fcbert\u00fcnchen oder f\u00e4llt in eine Art Schockstarre. Ja nicht bewegen. Angela Merkel wird mit jedem Tag Helmutkohliger. Regel Nummer eins: erstmal nichts tun. Erinnerungen an den l\u00e4hmenden Stillstand Mitte der neunziger Jahre werden wach.<\/p>\n<p>Das Versagen der &#8222;traditionellen&#8220;, demokratischen Politik sp\u00fclt \u00fcberall in Europa nationalistische Krawallmacher und Populisten nach oben. Es ist immer einfacher, lautstark gegen etwas zu poltern, als etwas daran zu \u00e4ndern. Aber Nationalstolz war schon immer der Stolz der Schwachen. Wenn man sonst nichts hat, kann man immer noch stolz auf &#8222;sein Land&#8220; sein. In das man per Zufall hineingeboren wurde. Und Nationalstolz war noch nie ein guter Ratgeber. Nationale Egoismen (&#8222;Platz an der Sonne!!&#8220;) gepaart mit der wirtschaftlicher Ausbeutung von <del>Kolonien<\/del> \u00e4rmeren Regionen&#8230; &#8211; da war doch schon mal was, oder? <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erster_Weltkrieg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">So vor ungef\u00e4hr 100 Jahren<\/a>&#8230; ging nicht gut aus, die ganze Sache. Wer schon nostalgisch zur\u00fcckblickt sollte zumindest ab und zu die rosa Brille der Vergangenheitsverkl\u00e4rung abnehmen. Und: aktiv die Zukunft zu gestalten ist allemal inspirierender (wenn auch anstrengender) als auf dem Sofa zu sitzen und auf Ger\u00e4usche im Treppenhaus zu warten. Werdet nicht die n\u00e4chste Frau B. Lasst Kittelsch\u00fcrzen nicht den n\u00e4chsten hicen Shice werden.<\/p>\n<p>Folgt dem Autor auf Twitter: <a href=\"http:\/\/twitter.com\/farinho6\">@farinho6<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Umgang mit der Zuwanderung ist &#8211; neben der Rente &#8211; seit Jahrzehnten das epochalste Versagen der Politik (hier kann man ruhigen Gewissens pauschalisieren, denn es trifft alle gleicherma\u00dfen)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[84,1,19],"tags":[136,134,135],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2025"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2025"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2025\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2240,"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2025\/revisions\/2240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2025"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2025"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2025"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}