{"id":1897,"date":"2021-05-19T15:39:00","date_gmt":"2021-05-19T13:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/?p=1897"},"modified":"2022-10-13T21:40:57","modified_gmt":"2022-10-13T19:40:57","slug":"jahr-ohne-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/jahr-ohne-sommer\/","title":{"rendered":"Jahr ohne Sommer"},"content":{"rendered":"<p>Als ich die Augen aufschlug war es bereits dunkel. Ich musste mehrere Stunden geschlafen haben, denn durch die L\u00f6cher, die der Rost in die Wellblechw\u00e4nde gefressen hatte, konnte ich schon die Sterne funkeln sehen.<\/p>\n<p><!--more-->In der Ferne war das Rauschen der Wellen zu h\u00f6ren. Der Wind schien nachgelassen zu haben. Das war gut. Ich steckte mich, rieb mir die Augen und sah mich um. Ich war ein einer kleinen H\u00fctte. Um mich herum lagen etwa 50 Personen. <del><em>Menschenfracht.<\/em><\/del> Eingeh\u00fcllt in schmutzige Decken versuchten sie der empfindlichen&nbsp;K\u00e4lte einer wolkenlosen Nacht zu widerstehen. Eine junge Mutter versuchte im Fl\u00fcsterton ihr schreiendes Baby zu beruhigen. Sonst sprach niemand ein Wort. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Jeder war mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Ich war todm\u00fcde. Die lange Reise steckte mir in den Knochen. Ich war seit knapp zehn Tagen unterwegs, habe in St\u00e4llen, in Abbruchh\u00e4usern und unter freiem Himmel geschlafen. Ich habe alle hinter mir gelassen. Nun war ich also hier. Und habe doch bisher noch rein gar nichts erreicht. Ich wollte gerade aufstehen, um meine verspannten Muskeln etwas zu lockern als pl\u00f6tzlich die T\u00fcr aufflog. <em>&#8222;Raus! Raus!&#8220;<\/em> bellte eine kehlige Stimme. Es ging also los. <del><em>(Gute Reise).<\/em><\/del><\/p>\n<p>Das Meer war bei Weitem nicht so ruhig, wie es vom Ufer aus den Anschein hatte. Jede Welle hob unser winziges Boot um zwei, drei Meter in die H\u00f6he. Mir wurde schon nach wenigen Minuten schlecht und ich schloss die Augen, um der Seekrankheit Herr zu werden. Es gelang mir nicht. Ich musste mich auf den Boden \u00fcbergeben. Wir sa\u00dfen eng zusammengepfercht im stockdunklen Bauch dieses schrottreifen Seelenverk\u00e4ufers und lauschten \u00e4ngstlich in die Dunkelheit. Das \u00c4chzen und Knarren der Planken vermischte sich mit dem Dr\u00f6hnen des alten Dieselmotors zu einem gleichm\u00e4\u00dfigen, eint\u00f6nigen Singsang. \u00dcber uns an Deck waren gelegentlich Schritte und Stimmen zu h\u00f6ren. Ich versuchte mir aus den aufgeschnappten Satzfetzen unsere aktuelle Lage zusammenzureimen, aber es gelang mir nicht. Immer wieder \u00fcberkam mich eine Woge der \u00dcbelkeit, die mich aus allen Gedanken riss. Ich w\u00fcrgte einen Schwall bitterer Galle nach oben und spuckte aus. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Ich hatte seit Tagen nichts mehr gegessen. Meine Schl\u00e4fen pochten wie wild, mein Herz raste. Ich versuchte ruhig zu atmen und die \u00dcbelkeit in Zaum zu halten als pl\u00f6tzlich ein lauter Knall den monotonen Ger\u00e4uschteppich zerriss und mir den Schrecken in alle Glieder fahren lie\u00df. Adrenalin schoss in meine Adern. Instinktiv duckten sich alle und r\u00fcckten noch enger zusammen. Ich riss die Augen weit auf und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Ohne Erfolg. <em>&#8222;Die schie\u00dfen auf uns!&#8220;<\/em> schrie eine panische Stimme. <em>&#8222;Die Schweine schie\u00dfen auf uns!&#8220;<\/em>. Wie zur Best\u00e4tigung peitschten mehrere Geschosse an unserem Boot vorbei. Kurz darauf waren Motorger\u00e4usche zu h\u00f6ren. Ein anderes Schiff. Eine verzerrte Lautsprecherstimme. Eine Patrouille der NAU. Es war aus.<\/p>\n<p>&#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Niemand war sonderlich beunruhigt als es am 26.05.2017 nahezu fl\u00e4chendeckend in ganz Deutschland Schnee fiel. Das passierte zwar nicht oft, aber es passierte nun mal ab und zu. Au\u00dferdem waren die wenigen Zentimeter der wei\u00dfen Pracht, die sich \u00fcber Nacht angesammelt hatten, schon bald unter den warmen Strahlen der Fr\u00fchlingssonne dahin geschmolzen. Eine <em>Ausnahme<\/em>. Eine <em>Laune<\/em> der Natur eben. Der warme und trockene Sommer lie\u00df die Erinnerung an diesen Tag schon bald verblassen. Zu sch\u00f6n waren die lauen Abende, zu s\u00fcffig das k\u00fchle Bier im Caf\u00e9 um die Ecke. Zu sch\u00f6n anzusehen die jungen, leicht bekleideten M\u00e4dchen, die kichernd durch die Stra\u00dfen flanierten. <del><em>Hey ho! Lets go!<\/em><\/del><\/p>\n<p>Erst als bereits am 25. September erneut einige Zentimeter Schnee in S\u00fcddeutschland fielen begannen die Menschen kopfsch\u00fcttelnd zu fragen was denn nur mit diesem Wetter los sei. War nicht immer von globaler Erw\u00e4rmung die Rede? Hitzerekorde &#8211; nun gut. Weihnachten bei 15\u00b0C &#8211; sei\u2019s drum. Tornados und Hagelst\u00fcrme &#8211; jajaja, meinetwegen. Daran hatte man sich gew\u00f6hnt. Aber Schnee im September?<\/p>\n<p>F\u00fcr den Moment konnten die Menschen aufatmen. Der Wintereinbruch dauerte gl\u00fccklicherweise nur wenige Tage. Nach einer feuchten und k\u00fchlen Woche machte der goldene Oktober seinem Namen alle Ehre und verw\u00f6hnte die Menschen mit Sonne und W\u00e4rme. Allerdings hatte es der darauffolgende Winter bereits in sich. Von Anfang November bis Mitte M\u00e4rz lag praktisch \u00fcber ganz Mitteleuropa eine geschlossene Schneedecke. W\u00e4hrend die einen schon Ende des Klimawandels verk\u00fcndeten, sprachen die anderen von einer Ausnahme und verwiesen auf den Unterschied von Wetter und Klima. Und sie schienen Recht zu behalten. Fr\u00fchjahr und Sommer 2018 waren guter Durchschnitt. Nicht zu k\u00fchl, nicht zu nass, keine Hitzerekorde oder Tornados, keine D\u00fcrren. Aber auch in diesem Jahr begann es schon Mitte Oktober zu schneien. Und es folgte ein Winter, wie ihn Europa schon Jahrzehnte nicht mehr erlebt hatte. In Frankreich und Spanien musste zeitweise der Notstand ausgerufen werden, nachdem innerhalb von 72 Stunden fast zwei Meter Schnee fielen. In Italien war Winterausr\u00fcstung Mangelware, was wochenlang den Verkehr praktisch zu Erliegen brachte. Auf den eisglatten Stra\u00dfen war kein Durchkommen. In Osteuropa erfroren dutzende Menschen bei Temperaturen von minus 30 Grad und darunter. Durch Schnee und Eis fielen etliche Wind- und Solarkraftwerke aus, was wiederum zu h\u00e4ufigen Stromausf\u00e4llen f\u00fchrte. Frierend und fluchend verkrochen sich die Menschen in ihren ungeheizten Wohnzimmern unter Decken und Schlafs\u00e4cken und sehnten den Fr\u00fchling herbei. Doch ein Ende des Winters war auch im April noch nicht in Sicht. <em><del>Ich tr\u00e4umte einst von einer Fr\u00fchlingswiese.<\/del><\/em><\/p>\n<p>Im Gegenteil: das Jahr 2019 ging als das <em>&#8222;Jahr ohne Sommer\u201c<\/em> in die Geschichtsb\u00fccher ein. Bis in den Mai hinein fiel in den Mittelgebirgen immer wieder Schnee. Die Flusst\u00e4ler st\u00f6hnten w\u00e4hrend dessen \u00fcber Dauerregen und Hochwasser. Landwirte und Tourismusverb\u00e4nde klagten gleicherma\u00dfen ihr Leid in jede Kamera. Die Spargel- und Erdbeerernte fiel komplett aus, Freib\u00e4der, Eisdielen und Restaurants fuhren ein gewaltiges Minus ein. Als schlie\u00dflich bereits am 15. September ein Schneesturm \u00fcber Norddeutschland tobte, sprach ein Meteorologe bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c aus, was alle insgeheim dachten, aber keiner wagte auszusprechen. Undenkbar. Unvorstellbar. Unm\u00f6glich. Erwartungsgem\u00e4\u00df erhob sich ein Sturm der Entr\u00fcstung, gefolgt von hitzigen Diskussionen auf allen Kan\u00e4len, an allen Stammtischen und in allen sozialen Netzwerken. <em>&#8222;Die globale Klimasituation hat sich in den vergangenen 24 Monaten radikal ge\u00e4ndert. Die solare Konvektionszone weist seit 2017 einen negativen Temperaturgradienten auf. Die koronale Aktivit\u00e4t der Sonne nahm dadurch um 37% ab. Eruptive Protuberanzen haben sich hingegen vervielfacht\u201c<\/em>. \u201e<em>K\u00f6nnen Sie das f\u00fcr unsere Zuschauer in etwas einfacheren Worte erkl\u00e4ren?\u201c<\/em> bat Jauch. <em>&#8222;Wir m\u00fcssen uns sehr wahrscheinlich auf eine l\u00e4ngere, k\u00fchle Periode einstellen.\u201c<\/em> <em>&#8222;Was bedeutet das konkret?\u201c<\/em> hakte der Moderator nach. <em>\u201eNun, alle Parameter deuten darauf hin, dass eine neue Eiszeit begonnen hat&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Schon im Jahr 2025 taute der \u00fcber den Winter gefallene Schnee in den h\u00f6heren Lagen der Mittelgebirge auch im Sommer nicht mehr vollst\u00e4ndig ab. Selbst in w\u00e4rmeren Regionen wie dem Breisgau stiegen die Augusttemperaturen selten auf zweistellige Werte. Landwirtschaft, Weinbau und Tourismus brachen nahezu vollst\u00e4ndig zusammen. <del><em>Winterwonderland<\/em><\/del>. Die Versorgung der Industrie mit Rohstoffen und Zulieferteilen war durch die Stra\u00dfen- und Witterungsverh\u00e4ltnisse nur noch eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich. \u00d6ffentlicher Nahverkehr und Bahn verkehrten nur unregelm\u00e4\u00dfig. Auf den Fl\u00fcssen musste die Schifffahrt immer wieder wegen gef\u00e4hrlicher Eisschollen oder Hochwasser eingestellt werden. Stromausf\u00e4lle wurden zur allt\u00e4glichen Belastungsprobe,&nbsp; \u00d6l- und Benzinpreise erklommen im Wochentakt neue H\u00f6chstst\u00e4nde. Internet und Telekommunikation fielen immer wieder aus. Das Brutto-Inlands-Produkt sank zwischen 2020 und 2030 um j\u00e4hrlich fast 10%. In gleichem Ma\u00dfe stieg die Zahl der Arbeitslosen.<\/p>\n<p>Doch wo es Verlierer gibt, sind auch Gewinner. Die nordafrikanischen Staaten und der Nahe Osten erlebten in diesen Jahren einen wahren Boom. Auf Grund der verbesserten klimatischen Bedingungen wuchs die Landwirtschaft in den noch vor Kurzem knochentrocken Regionen rasant an. Libyen, Tunesien und Marokko waren auf dem Weg zur Kornkammer der Welt zu werden.<\/p>\n<p>Schon Mitte der 20er Jahre setzte eine Wanderbewegung ein. Europ\u00e4ische Agrarexperten waren in Nordafrika hei\u00df begehrt. Geld spielte keine Rolle. Die Staaten der EU und auch die USA zahlten f\u00fcr Getreide, Kartoffeln und Gem\u00fcse jeden Preis, um eine Hungersnot zu verhindern. Trotzdem verdoppelten sich die Preise f\u00fcr Grundnahrungsmittel nahezu j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Schon bald darauf begannen mehr und mehr Menschen, die auf Grund der anhaltenden tiefen Wirtschaftskrise in Europa dort keine Zukunft mehr sagen ihr Gl\u00fcck in Nordafrika zu versuchen. Aufgeschreckt von Simulationen, die die vollst\u00e4ndige Vergletscherung Mitteleuropas bis 2100 prognostizieren, stieg ihre Zahl von Monat zu Monat. Waren anfangs besonders gut ausgebildete Facharbeiter mit offenen Armen begr\u00fc\u00dft worden, so schwang das Pendel schon bald in die andere Richtung. Konservative und nationalistische Politiker in der gesamten, 2027 gegr\u00fcndeten Nordafrikanischen Union (NAU) sprachen davon, dass das Thema Migration aus Europa st\u00e4rker reglementiert werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ab 2030 war eine Einreise f\u00fcr Europ\u00e4er praktisch unm\u00f6glich. Der Flugverkehr war streng kontrolliert und die Flucht von S\u00fcditalien oder Sizilien \u00fcber das noch eisfreie Mittelmeer war lebensgef\u00e4hrlich.&nbsp; Skrupellose Schlepperbanden scheffelten mit der illegalen \u00dcberfahrt von Fl\u00fcchtlingen Millionen. V\u00f6llig \u00fcberladene, schrottreife K\u00e4hne wurden trotz rauer See aufs offene Meer hinaus gejagt. Denn die Wucherpreise wurden selbstverst\u00e4ndlich im Voraus bezahlt. Da kam es auf ein paar Tote mehr oder weniger nicht an. Niemand wei\u00df wie viele D\u00e4nen, Franzosen, Polen oder Deutsche in diesen Jahren ertranken. Als die NAU ab 2025 nicht mehr davon zur\u00fcckschreckte, illegale Fl\u00fcchtlingsboote auch mit Waffengewalt zu stoppen verzehnfachten sich die Preise f\u00fcr eine \u00dcberfahrt. Trotzdem machten sich Hunderttausende auf den Weg Richtung S\u00fcditalien. <em><del>Das Boot ist voll.<\/del><\/em><\/p>\n<p>&#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Jetzt sitze ich also in diesem libyschen Abschiebegef\u00e4ngnis und harre meinem Schicksal. Man hat auf uns geschossen, man hat uns verhaftet und wie Schwerverbrecher in Ketten gelegt. W\u00e4rter spucken uns an oder schlagen uns grundlos ins Gesicht. H\u00f6hnisches Gel\u00e4chter. Asoziales europ\u00e4isches Gesindel. <em>&#8222;Haut ab! Haut ab! Haut ab!&#8220;.<\/em> Ich bin Mitte 40. Ich hatte einen guten Job, damals als es noch Jobs gab im alten Europa. Als man vom Fachkr\u00e4ftemangel sprach. Wie geht es weiter? Ich wei\u00df es nicht. Sie werden uns markieren, uns einen Chip unter die Haut implantieren, der Alarm schl\u00e4gt, sobald wir uns der S\u00fcdgrenze der EU n\u00e4hern. Wir werden getrackt wie Milchvieh. Unser Bewegungsprofil, unsere Vitaldaten sind in jedem Land, von jedem Dorfpolizisten abrufbar Doch das ist alles Bl\u00f6dsinn. Blinder Aktionismus. Hunderttausende Europ\u00e4er haben schon so einen Chip implantiert. Doch sie wagen die Flucht wieder und wieder.<\/p>\n<p><em>&#8222;Afrika ist gro\u00df genug f\u00fcr alle&#8220;<\/em> skandierten Millionen von Menschen auf einer gro\u00dfen Demonstration letzte Woche in Dakar. Sie reckten selbstgemalte Schilder in die H\u00f6he auf denen <em>&#8222;Refugees welcome\u201c<\/em> und \u00c4hnliches stand. K\u00fcnstler, Literaten, Sozial- und Entwicklungshilfepolitiker aus 22 afrikanischen Staaten warben f\u00fcr mehr Menschlichkeit, f\u00fcr ein Miteinander der Kulturen und Kontinente. Musiker performen ihren Benefizsong <em>\u201eSave the children\u201c<\/em>, der bereits am Folgetag vier Millionen Mal verkauft wurde. Doch die Herrschenden halten sich bedeckt mit konkreten Zusagen oder Ma\u00dfnahmen. Alle wissen sie, dass etwas geschehen muss, doch keiner wagt sich heraus, aus der komfortablen Deckung. Lieber sichern sie ihre K\u00fcsten mit Stacheldraht, GPS und Infrarotdrohnen. <del><em>Faustpfand. Verhandlungsmasse.<\/em><\/del><\/p>\n<p>Europa ist auf Jahre, wahrscheinlich auf Jahrhunderte hinaus ein verlorener Kontinent. Dort zu bleiben ist keine Option. Wer es sich leisten kann, der geht. Wer will den Menschen verdenken, dass sie nur ein besseres Leben f\u00fcr sich und ihre Familien suchen? Wer will ihnen verdenken, dass sie leben wollen? <del><em>We are the world. We are the children.<\/em><\/del><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich die Augen aufschlug war es bereits dunkel. 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