{"id":1669,"date":"2014-11-25T15:46:04","date_gmt":"2014-11-25T14:46:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/?p=1669"},"modified":"2014-11-26T08:44:35","modified_gmt":"2014-11-26T07:44:35","slug":"programmieren-statt-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/programmieren-statt-religion\/","title":{"rendered":"Programmieren statt Religion"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/blackboard.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1670\" src=\"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/blackboard-300x219.jpg\" alt=\"blackboard\" width=\"300\" height=\"219\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8222;Heute beginnt die Zukunft&#8220; verk\u00fcndet der Lehrer voller Ehrfurcht, &#8222;ab heute rechnen wir mit Computern. Also, Paul, was gibt ein Computer plus zwei Computer?&#8220;<\/p>\n<p>_________________________ (hier Platz f\u00fcr schallendes Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p>Themawechsel. Autofahren ist ein schwieriges Unterfangen. Man muss sich nicht nur mit der Technik des Schaltens, Kuppelns, Gasgebens auskennen, man muss sich ebenso in einem komplexen System zurechtfinden, in dem man es mit unz\u00e4hligen Verkehrsregeln, Glatteis, Rasern, Sonntagsfahrern und pl\u00f6tzlich aus dem Unterholz springenden Hirschen zu tun hat. K\u00f6nnte jeder &#8222;einfach so&#8220; in ein Auto steigen und losfahren, auf den Stra\u00dfen w\u00fcrde wohl ein heilloses Durcheinander herrschen. Wir haben das als Gesellschaft erkannt und lassen deshalb Menschen erst Autofahren, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben und eine gr\u00fcndliche Ausbildung genossen haben.<\/p>\n<p>In einem anderen Verkehrssystem (der &#8222;Datenautobahn&#8220;, um einen fast mittelalterlich anmutenden Begriff zu verwenden) hat sich diese Erkenntnis (noch) nicht durchgesetzt. Dank Smartphone und Flatrate darf hier jeder Ein\u00e4ugige drauflos rasen, obwohl es sich auch hier um ein komplexes System handelt, dass erst erlernt werden muss. Nicht nur unz\u00e4hlige Begriffe wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Webbrowser\" target=\"_blank\">Browser<\/a> (kein neuer Duschkopf), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wi-Fi\" target=\"_blank\">WiFi<\/a> (keine Minisalami) oder <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/digitales\/smartphones\/ios-und-android-so-lassen-sich-in-app-kaeufe-sperren-bid-1.3243360\" target=\"_blank\">In-App-Purchase<\/a> wollen verstanden werden, nein, auch Nepper, Schlepper, Bauernf\u00e4nger lauern an allen Ecken. Zum F\u00fcrchten! Wir werden alle sterben! Kein Wunder also, das dieses Internet die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/German_Angst\" target=\"_blank\">German Angst<\/a> befeuert.<\/p>\n<p>Um sich sicher im digitalen Gro\u00dfstadt-Dschungel bewegen zu k\u00f6nnen braucht es Wissen, Orientierung und Kompetenz. Dinge also, die zu den ureigensten Aufgaben schulischer Bildung geh\u00f6ren. Zu wissen, dass es keine gute Idee ist, am Strand der Dominikanischen Republik \u00fcber das mobile Netz Youtube-Videos anzuschauen (Roaminggeb\u00fchren) ist bestimmt nicht unwichtiger als Scheibenwischer und Blinker bedienen zu k\u00f6nnen. Wer Emails mit dem Absender &#8222;Ihre Anwaltskanzlei&#8220; und dem Betreff &#8222;Letzte Mahnung&#8220; \u00f6ffnet, der f\u00e4hrt auf den Stra\u00dfenverkehr \u00fcbertragen wohl auch \u00fcber rote Ampeln. Wie funktioniert ein WLAN-Router? Warum sollte ich besser nicht alle meine Verzeichnisse und Dateien freigeben? Und ist mir eigentlich bei Suchmaschinen der Unterschied zwischen organischer Suche und bezahlten Anzeigen klar?<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt diese komischen Suchmaschinen, allen voran Google: sie sind toll, sie sind so einfach zu bedienen, sie wissen alles. Aber sie gaukeln uns Objektivit\u00e4t nur vor und nehmen uns stattdessen in einer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Filterblase\" target=\"_blank\">Filterbubble<\/a> gefangen. Was Google nicht kennt existiert nicht. Das Wissen, dass Information nicht l\u00e4nger per se wertfrei sondern mit kommerziellen Interessen versehen ist, ist f\u00fcr jeden User essenziell.<\/p>\n<p>Nicht &#8222;Glauben&#8220; an die Allmacht von Google ist gefragt, sondern kritisches Einordnen der Resultate. Ist mir eigentlich bewusst, dass jeder Nutzer andere Suchergebnisse sieht, basierend auf seinen Vorlieben, Handlungen und Standorten? Hier kann, hier muss die schulische Ausbildung ohne wenn und aber t\u00e4tig werden. Medienkompetenz ist keine hohle Phrase sondern eine Schl\u00fcsselqualifikation in allen Bereichen des (digitalen) Lebens.<\/p>\n<p>Die Weltsprachen des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr Latein oder Griechisch. Auch nicht Englisch. Sondern HTML, CSS und JavaScript. Wir k\u00f6nnen es uns also gar nicht leisten, unseren Kinder diese Dinge vorzuenthalten. Nicht nur zum deren Wohl sondern damit Deutschland nicht komplett abgeh\u00e4ngt wird. Die &#8222;Trending Topics&#8220; des 20. Jahrhunderts waren das Automobil, TV und Telefon. Hier war Deutschland f\u00fchrend. Daimler und Siemens waren auch mal Startups. Wie sieht es heute aus?<\/p>\n<p>An Informatik oder Programmieren als Pflichtfach f\u00fcr alle Sch\u00fcler f\u00fchrt also kein Weg vorbei. Stichwort <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Digitale_Kluft\" target=\"_blank\">Digital Divide<\/a>. Programmieren schafft Verst\u00e4ndnis, schafft Wissen, schafft Kompetenz. Und diese Kompetenz ist Macht. Macht \u00fcber Maschinen, die wiederum Macht \u00fcber Menschen aus\u00fcben. Das ist kein luftleeres Geschwurbel sondern f\u00fchrt uns abseits der eigentlichen Technik automatisch zu ganz konkreten ethisch-moralischen Themen: was darf ein Algorithmus? Wie gehe ich mit den gewonnenen Daten um? Wie transparent m\u00fcssen Algorithmen sein? Fragt nach bei Google, fragt nach bei Facebook. W\u00e4re es nicht sinnvoll \u00fcber diese Fragen nachzudenken anstatt unseren Kindern von der ersten bis mindestens zur neunten Klasse zwei Stunden pro Woche uralte bronzezeitliche M\u00e4rchen, die vor Gewalt und Sexismus nur so triefen, zu erz\u00e4hlen? Ist es wirklich zielf\u00fchrend, Sch\u00fcler zu best\u00e4rken, dass bestimmte Dinge &#8222;einfach so sind&#8220; wie sie sind? Ich will der Religion und dem Glauben gar nicht die Daseinsberechtigung absprechen (obwohl, eigentlich doch), mir ist es herzlich egal wer was &#8222;glaubt&#8220;. Ich stelle nur die Frage, ob es die richtige Richtung ist, in die wir gehen, wenn wir &#8222;Glauben&#8220; fest im Stundenplan verankern und Informatik auf dem Niveau einer AG, also eines Privatvergn\u00fcgens, eines Hobbys behandeln.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcssen wir viel weiter gehen. Wissen ist eine W\u00e4hrung. Allerdings eine mit hoher Inflationsrate. Eine Anh\u00e4ufung von blankem Faktenwissen wird daher in naher Zukunft wertlos sein. Programmieren ist viel mehr als ein isoliertes Schulfach. Es m\u00fcsste integraler Bestandteil jedes Faches sein. Es ist ein Werkzeug, das uns hilft Probleme zu l\u00f6sen und Dinge zu verstehen. Schraubenzieher-Drehen und Nagel-Einschlagen sind ja auch keine Schulf\u00e4cher. Wieso nicht die endlosen Wochen der Lekt\u00fcre und Interpretation von &#8222;Kabale und Liebe&#8220; als Blog festhalten? Warum nicht die Molek\u00fclstrukturen von Proteinen im Chemie-Unterricht per CSS-Animation visualisieren?<\/p>\n<p>Die Zukunft geschieht. So oder so. Das Internet ist da und geht nicht mehr weg. Wir m\u00fcssen uns entscheiden: wollen wir unsere Kinder zu \u00e4ngstlichen, in Abofallen-tappende Bedenkentr\u00e4ger erziehen oder wollen wir ihnen das R\u00fcstzeugs mitgeben, diese Zukunft selbst zu formen?<\/p>\n<p>\u201cDer beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie selbst zu gestalten.\u201d (Willy Brandt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weltsprachen des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr Latein oder Griechisch. Auch nicht Englisch. 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