{"id":1032,"date":"2013-11-18T22:13:38","date_gmt":"2013-11-18T21:13:38","guid":{"rendered":"http:\/\/diesesinternet.de\/blog\/?p=1032"},"modified":"2016-11-04T11:59:17","modified_gmt":"2016-11-04T10:59:17","slug":"ein-lied-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diesesinternet.de\/blog\/ein-lied-teil-3\/","title":{"rendered":"D\u00f6s is an Aktschnfuim"},"content":{"rendered":"<p>Guns \u2019n\u2018 Roses, You could be mine, 1991<\/p>\n<p>Sommer 1991. Ich hatte eben meine Ausbildung geschmissen und wartete jetzt darauf, ein Studium zu beginnen. Medieninformatik. Ich hatte zwar nur eine vage Vorstellung, was sich dahinter verbergen sollte, aber es klang nicht schlecht. Jedenfalls war bis dahin noch drei Monate Zeit und der Sommer zeigte sich von seiner besten Seite.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zeit bis zum Studienbeginn hatte ich mir dann allerdings auf \u201csanften\u201d Druck meiner Eltern einen Ferienjob besorgt, was zu dieser Zeit recht unkompliziert war. Man rief bei einer der \u00f6rtlichen Firmen an fragte nach einem Job. Nach kurzem Rascheln in der Leitung nuschelte die Telefondame \u201cMontag morgen, 7.00 Uhr, Neumarkf\u00fcnfzig die Stunde\u201d in den H\u00f6rer und legte auf. Das war\u2019s.<br \/>\n<span id=\"more-1032\"><\/span><br \/>\nIn der Firma wurde jeder Ferienjobber entsprechend seinen F\u00e4higkeiten eingesetzt. Ich konnte nichts und landete folgerichtig in der Gie\u00dferei. Knopf dr\u00fccken \u2013 Maschine f\u00e4hrt zu \u2013 warten \u2013 Maschine f\u00e4hrt auf \u2013 mit der Zange das frisch gegossene Zahnrad entnehmen und vorsichtig in eine Kiste legen. \u00dcberschaubar. Und unsagbar \u00f6de. Die gleiche Bewegung 10.000mal am Tag. Die Sonne brannte auf das Wellblechdach der ohnehin schon\u00a0br\u00fcllend heissen, nach Metalld\u00e4mpfen stinkenden Halle. Nach wenigen Minuten war ich in einer alles umfassenden M\u00fcdigkeit gefangen. Meine Augen wurden schwer und gelegentlich nickte ich im Stehen ein, sodass 3,4 Zahnr\u00e4der klickend zu Boden fielen bevor ich wieder aufschreckte. Die Zeit schien still zu stehen, 50 Zahnr\u00e4der sp\u00e4ter waren kaum 10 Minuten vergangen. Ich rechnete mir aus was ich jede Minute, jede Sekunde verdienen w\u00fcrde, nur um nicht schreiend alles hinzuschmeissen.<\/p>\n<p>Um wenigstens ein bisschen Ablenkung zu haben, beobachtete die anderen Arbeiter. Sie fassten die gl\u00fchend heissen Metallteile mit der blo\u00dfen Hand an und brieten sich in der Mittagspause ihr Schnitzel auf den ru\u00dfgeschw\u00e4rzten Zink-\u00d6fen. Mir kamen die drei Wochen, die ich hierbleiben sollte wie eine Ewigkeit vor, uns manche von ihnen arbeiteten schon seit Jahrzehnten hier. Realitycheck 1991. Langsam verstand ich, wie gut ich es hatte und wie hart meine Eltern arbeiten mussten, nur damit ich weiter die Schulbank dr\u00fccken konnte.<\/p>\n<p>Punkt 15:59 stand ich an der Stempeluhr und wartete, dass die blinkende Digitalanzeige auf 16:00 sprang. FEIERABEND. Sofort stempelte ich ab und verlie\u00df fluchtartig das Firmengel\u00e4nde. Nur keine Minute zu lang bleiben! Wieder ein Tag geschafft.<\/p>\n<p>Es war ein hei\u00dfer Sommer und gl\u00fccklicherweise lag das Freibad nur wenige Minuten von der Firma entfernt, sodass ich mich schon um kurz nach vier in die erfrischenden Fluten st\u00fcrzen konnte. \u00a0Nach und nach trafen meine Kumpels ein, die ebenfalls um 16:00 Uhr Feierabend hatten; Martin, Hirsch, Kalle und all die anderen V\u00f6gel. Irgendeiner hatte eigentlich immer einen Kassettenrekorder dabei und so lagen wir rauchend da, und quatschten dummes Zeugs. Aber sobald das Lied dieses Sommers lief, \u00a0nickten alle still mit dem Kopf vor sich hin. Obwohl es wahrlich keine Ballade war die da aus den Boxen schepperte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kannte ich Guns\u2019n\u2019Roses schon seit Jahren. Nat\u00fcrlich hatte ich \u00a0\u2018Appetite for Destruction\u2019 zu Hause im Regal stehen. \u2018Welcome to the Jungle\u2019 und \u2018Sweet child o\u2019mine\u2019 waren ganz nett, aber mehr auch nicht. Die Jungs waren eben nur ein Haufen schlecht gekleideter langhaariger Rotzl\u00f6ffel, die sich redlich bem\u00fchten, sich m\u00f6glichst schlecht zu benehmen.<\/p>\n<p>Dann kam \u2018You could be mine\u2019. Und alles war anders. Dieses Lied war nicht nur Krach, sondern Krach mit einer geilen Melodie. Ein Lied mit einer unb\u00e4ndigen Energie. Ein Lied, dass den Weg in die Zukunft wies. Ein Lied das allen gefiel. Den Jungs wegen der Musik und den M\u00e4dels weil die Typen (auf einmal) supers\u00fc\u00df-b\u00f6se waren.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich war da das Video. Es war die gro\u00dfe Zeit vom MTV. Niemand der damals nicht dabei war, wird je verstehen was MTV f\u00fcr uns bedeutete. Zusammen mit den bis dahin ungeahnten Special Effects aus \u201cTerminator 2\u2033 ergab das etwas wirklich Neues, etwas Brilliantes. X-mal lief das Video jeden Tag und ich konnte mich gar nicht sattsehen. Coole Musik, Arnies augenzwinkernde Ironie und revolution\u00e4re Computertechnik, dass passte einfach. Ich war begeistert vom \u201cGesamtpaket\u201d, wie man heute sagen w\u00fcrde. Erst recht als ich las, dass Computergrafik auf dem Stundenplan meines ersten Semesters stehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>So verging der Sommer langsam und gleichf\u00f6rmig. Tags\u00fcber malochen, nachmittags und abends im Freibad oder im Stadtpark die lauen Abende geniessen. Und \u00fcber allem schwebte Axls Gekreische. Es waren wohl die letzten Tage einer \u201calten\u201d Zeit. Einer Zeit mit W\u00e4hlscheibentelefonen, Walkmen und Autos ohne Katalysatoren oder Kopfst\u00fctzen. Die Wiedervereinigung war zwar schon da, aber ihre Schockwellen noch nicht vollst\u00e4ndig bis zu dieser kleinen Stadt im Schwarzwald durchgedrungen \u2013 \u00a0doch wir sp\u00fcren, dass die Zeiten sich \u00e4nderten. Jetzt, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, f\u00fchlt sich diese Zwischenzeit so weit entfernt an wie die Dinosaurier. Nur \u201cYou could be mine\u201d ist auch 2013 Teil einer jeden Playlist von mir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guns \u2019n\u2018 Roses, You could be mine, 1991 Sommer 1991. Ich hatte eben meine Ausbildung geschmissen und wartete jetzt darauf, ein Studium zu beginnen. Medieninformatik. Ich hatte zwar nur eine vage Vorstellung, was sich dahinter verbergen sollte, aber es klang nicht schlecht. 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