Richtig verkacken. Ein Ratgeber

Hallo Sie! Ja genau, Sie!

Sie sind seit Jahrzehnten ein mittelständisches Unternehmen und bauen irgendwelche Maschinen, Zahnräder oder „Präzisionsteile“? Sie sind ein „Hidden Champion“, halten sich für innovativ und haben erkannt, dass dieses Internetz so schnell nicht mehr weggeht? Sie wollen auf den Dititalisierungszug aufspringen und ihre Wertschöpfung digitalisieren? Dann sollen sie das unbedingt lesen.

Ein Ratgeber wie Sie Softwareprojekte aber mal so richtig in den Sand setzen.

Richtig verkacken für Industrieunternehmen

Steigen Sie JETZT!!!! SOFORT!!! Ein!!! Im Internet der Dinge, in Industrie 4.0 liegen wahre Schätze verborgen. Begeistern Sie Ihren CEO mit einem Feuerwerk an Buzzwords und erklären Sie alles zum strategischen Projekt. Stellen Sie 20 Entwickler von der Straße weg ein und legen Sie los. Stellen Sie völlig unrealistische Zeitpläne auf und erklären, diese müssen unter allen Umständen gehalten werden. Verinnerlichen Sie dies: was ein Entwickler in 20 Tagen schafft, schaffen 20 Entwickler an einem Tag.

Stülpen Sie einen bürokratischen Overhead aus Zeiterfassung, Richtlinien, Arbeitsanweisungen und Statistikreports über Ihr Entwicklerteam. Pochen Sie auf das 110%ige Leben der reinen Scrum-Lehre, auch wenn Sie bisher alles außerhalb von MS Project als Teufelszeugs abgetan haben. Zwingen Sie das Team gerne beim Daily-Meeting vorgefertigte Worthülsen zu benutzen. „Mit Hinblick auf das Sprintziel habe ich gestern erreicht…“. Genauso reden Entwickler. Weisen Sie jeden Tag auf den mörderischen Zeitplan hin. Loben Sie Ihr Team regelmäßig um gleich im nächsten Satz klarzumachen, dass ein Scheitern des Projekts die alleinige Schuld der Entwickler ist.

Pflastern Sie alle Wände mit bunten Post-Its. Das wirkt jung und innovativ und macht Eindruck auf Besucher. Bestehen Sie aber natürlich trotzdem darauf, dass alle Tasks in einem klassischen Tool zusätzlich gepflegt werden. Wahlweise wegen der Buchhaltung, dem Projektmanagement oder der Firmenkultur.

Weisen Sie auf jeden Fall auf die flexiblen Arbeitszeiten hin. Ohne natürlich zu erwähnen, dass „flexibel“ nur bedeutet, dass auch am Samstag gearbeitet wird.

Behalten Sie Ihre beste Trumpfkarte auf jeden Fall bis zum Schluss auf: verkünden Sie 4 bis 6 Wochen vor Projektende, dass das Going-Live um 14 Tage vorverlegt werden muss. „weil das Marketing irgendwas tun muss“, „die Töchtergesellschaften mehr Vorlauf brauchen“ oder auch weil Aliens eine Invasion angekündigt haben. Es ist völlig egal. Bestehen Sie natürlich trotzdem darauf, dass alle Features umgesetzt werden. Weisen Sie zum Schluss darauf hin, dass es sich um das geilste Produkt der Firma ever handelt.

Sollte das Team trotzdem mal murren: bringen Sie Überlegungen des Unternehmens ins Spie, dass ein weiterer Entwicklungsstandort in Berlin/Barcelona/Bukarest geplant werde. Natürlich werde dies keinerlei Auswirkungen auf den hiesigen Standort haben, aber morgen werden 3 Bewerber hierher eingeflogen. Das Team möge sich bitte intensiv um sie kümmern. Die Deadline bleibt natürlich davon unberührt.

Lassen Sie Ihr Team die letzten beiden Wochen rund um die Uhr antanzen. Stellen Sie sich hinter einen Entwickler und sehen Sie ihm eine Zeitlang bei der Arbeit zu. Machen Sie minütlich klar, dass „Failure not an Option“ ist. Es darf unter keinen Umständen ein Minor Bug zurückbleiben.

Nachdem das Team in unzähligen Nachschichten alle möglichen und unmöglichen Bugs beseitigt hat, hat der CEO die Ehre das Produkt als erstes zu bedienen. Natürlich scheitert er mit Pauken und Trompeten. Er erklärt dann das Projekt für komplett gescheitert und verschieben die Markteinführung um 4 Wochen nur um lediglich 3 Texte umzuformulieren.

 

Richtig verkacken für Möchtegern Konzerne

Arbeiten Sie auf jeden Fall nach der klassischen Wasserfall Methode. Schreiben Sie mindestens 8 bis 10 Monate an einem Pflichtenheft. In einem interdisziplinären Team von 20 Leuten, die sich dreimal die Woche treffen. Versuchen Sie jeden Problemfall bis ins kleinste Detail auszuarbeiten. Erst danach stellen Sie Ihr Werk den Tochtergesellschaften vor, die dies rundweg ablehnen werden und bis zum Vorstand eskalieren werden. Pitchen Sie mit mindestens 10 Anbietern. Erarbeiten Sie Fragebögen mit mindestens 200 Fragen, die die Anbieter im Vorfeld beantworten müssen. Sorgen Sie für ein ausgeklügeltes Bewertungsverfahren mit möglichst komplizierten Berechnungsformeln.

Anschließend ignorieren sie die Resultate und laden 5 Anbieter nach persönlichem Gusto zur Präsentation vor Ort ein. Achten Sie aber darauf, dass mindestens einer der Anbieter einen persönlichen Bezug zum CEO/Projektleiter/… hat.

Bewerten Sie die Präsentationen wiederrum nach komplexen Bewertungsschema. Diskutieren Sie das Für und Wider der einzelnen Dienstleister ausführlichst. Stellen sie sich anbahnende Einigkeit immer wieder in Frage. Am Ende entscheidet sich der Projektleiter im Alleingang für seinen Spezl. Auch wenn dieser die mit Abstand schlechteste Präsentation abgeliefert hat. Man kann sich schließlich alles schönreden.

Führen Sie anschließend ausführliche Kickoff-Runden durch. Beginnen Sie anschließend erneut mit der Erstellung eines Pflichtenhefts, da mittlerweile mindestens anderthalb Jahre vergangen sind und sich die Anforderungen komplett geändert haben. Wechseln Sie dann überraschend in einer Nacht und Nebel Aktion den Dienstleister. Beginnen Sie anschließend erneut mit der Erstellung eines Pflichtenhefts, da sich die Anforderungen komplett geändert haben. Heuern Sie externe Berater an und erfreuen Sie Ihr Team mit 5,6 oder mehr ganztägigen Workshops. Stellen Sie mehrere Freelancer ein, die eines Morgens überraschend vor der Tür stehen und niemand weiß, was diese eigentlich tun sollen. Wechseln Sie dann überraschend in einer Nacht und Nebel Aktion den Dienstleister. Beginnen Sie anschließend erneut mit der Erstellung eines Pflichtenhefts, da sich die Anforderungen komplett geändert haben.Heuern Sie externe Berater an und erfreuen Sie Ihr Team mit 5,6 oder mehr ganztägigen Workshops. Stellen Sie mehrere Freelancer ein, die eines Morgens überraschend vor der Tür stehen und niemand weiß, was diese eigentlich tun sollen. Wechseln Sie dann überraschend in einer Nacht und Nebel Aktion den Dienstleister. Beginnen Sie anschließend erneut mit der Erstellung eines Pflichtenhefts, da sich die Anforderungen komplett geändert haben.

(Bild: t3n.de)

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