Wieso wir alle viel mehr bloggen sollten

Oh Shit. Jetzt ist es wieder soweit. Opa erzählt vom Krieg. Und alle verdrehen genervt die Augen. Wir hatten ja damals nichts. Nicht mal ein soziales Netzwerk. Wenn wir etwas zu sagen hatten, mussten wir – aufgepasst ihr jungen Dinger – bloggen. Sofern wir überhaupt ein eigenes Blog hatten. Ich muss mir an den Kopf fassen. Man musste installieren und konfigurieren und was weiß ich noch alles. Lauter komplizierte Dinge. Nerdige Dinge. Dinge, über die normale Menschen die Nase rümpfen. Wenn es dann irgendwann funktioniere,  schrieben wir Texte, schlecht formuliert und viel zu lang. Niemand nur ganz wenige Leute lasen, was wir da verbrochen hatten. Mit was? Mit Recht! „I have nothing to say“ – „you should blog about it“

Heute klingt das nicht nur anachronistisch, es ist anachronistisch. Wie aus einem anderen Jahrhundert. Niemand liest mehr Texte oder Bücher. Bücher sind nur etwas für alte Männer ohne Haare, die ihre verlorene Jugend beweinen. Die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Leute sinkt heutzutage ja schneller als ein dickes Kind im Schwarzwälder Hochmoor. Deshalb schreibe ich diesen Text auch extra langsam. Ich weiß, dass viele von euch da draußen nicht so schnell lesen können.

Andererseits hatten wir damals auch keinen Algorithmus der entschied, ob unser Text für andere Menschen relevant (und damit sichtbar) ist oder nicht. Jede(r) konnte ihn lesen. Und auch am nächsten Tag war er noch an der gleichen Stelle. Wir hatten auch keine Beschränkung auf 140 Zeichen oder 10 Sekunden oder was auch immer. Wir schrieben, wie uns der Schnabel gewachsen war. Und wenn da Tittenbilder zu sehen waren, so blieben sie dort auch zu sehen. Kein prüder Bot heulte empört auf, wenn die Nippeldetection Alarm schlug. Niemand erklärte sich per AGB zum neuen Besitzer unserer Inhalte und verdiente sich daran dumm und dämlich. Sie (die Inhalte) gehörten uns.

 

Es war nicht alles schlecht, damals im Mittelalter dieses Internets. Deshalb sollten wir alle wieder mehr bloggen. So voll retro. Total Old-School mit unserem eigenen, selbstgehosteten Blog. Wir sollten uns emanzipieren von all den Walled Gardens, den gated Communities, die uns vorschreiben wollen, was das Beste für uns ist. Wir sollten anfangen selbständig zu denken und individuell zu handeln. Wir sollten die großen Plattformen für uns nutzen anstatt uns vor den Karren spannen zu lassen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich will keineswegs, dass ihr euch alle von den diversen Plattformen abwendet. Das würde den ganzen Dumpfbacken und Hatespeakern nur noch mehr Gewicht verleihen. Im Gegenteil: postet, shared und liked was das Zeugs hält. Aber erstellt die Inhalte dort, wo ihr die Kontrolle darüber habt und teilt sie von dort in die Netzwerke eures Vertrauens. So hat ihr Reichweite und gleichzeitig den Hut auf.

 

Epilog.

Wir sind früher zur Schule gelaufen. 12 km. Jeden Tag. Um fünf Uhr morgens. Ohne Schuhe. Im Schneesturm. Bei 20 Grad minus. Den kleinen Bruder auf den Schultern. Überall lauerte der Russe. Und wenn wir dann nach drei Stunden endlich angekommen waren, setzte es erstmal eine Tracht Prügel des Lehrers. Weil wir nicht ordentlich gekämmt waren.

 

Mit blaugeschwollenem Hintern rezitierten wir auswendig alle 86 Strophen von Schillers Glocke und konnten kaum warten, bis endlich die Sportstunde begann. Dort machte jeder 500 Liegestützen und Kniebeugen. Zum Aufwärmen, bevor wir Zweizentnersteine aus dem Steinbruch holten um damit Völkerball zu spielen.

 

Später, nach Schulschluß, nachdem wir in der Dunkelheit 48 km nach Hause gelaufen waren (wir mussten die anderen 12 Geschwister noch aus den Kohleminen abholen), halfen wir der Kuh beim Kalben während wir Euklids Geometrie im altgriechischen Original lasen. Natürlich zum Spaß. Hausaufgaben wurden erst danach gemacht. Unterbrochen von einer Tracht Prügel, weil Vater unsere krakelige Handschrift nicht gefiel.

 

Ja, so war das früher. Und kein bisschen anders. Ich muss es wissen. Schließlich hab ich mir das ausgedacht.

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