Nicklmayr und Aschinger

Es war kurz vor Ladenschluss, als Nicklmayr das Geschäft von Juwelier Aschinger betrat. Die normalerweise vor hektischer Geschäftigkeit flirrende Hauptgeschäftsstraße war nahezu menschenleer. Nur wenige Passanten hasteten – eng an die Häuserfronten gedrängt, um dem kalten Nieselregen wenigstens ein wenig auszuweichen – in Richtung Hauptbahnhof. Jedermann zog es nach Hause. Es war erst Ende September, aber der dichte, nasskalte  Nebel hüllte die pittoresken Fassanden von B. in novembrige Tristesse.  Aschinger zählte gerade die Tageseinnahmen während Nicklmayr einfach nur da stand und schwer atmete. „Bitte?“ fragte A. schließlich desinteressiert. Es war ein langer Tag gewesen und er war erschöpft. Auch er wollte schnell nach Hause, wollte den altmodischen, unbequemen Schlips lockern und sich im lodernden Schein des Kamins einen Cognac eingießen. „Geben Sie mir all Ihr Geld. Sofort“ sagte N. stockend. „Bitte?“ fragte A. erneut und sah N. über den Rand seiner ebenso altmodischen Brille an. Alles an A. und seinem Geschäft war altmodisch. Die Auslagen, die Einrichtung, sogar der Geruch schien sich aus einem anderen Jahrhundert herübergerettet zu haben. „Geben Sie mir all Ihr Geld“ wiederholte N. „Nein, warten Sie“ sagte N., einer plötzlichen Eingebung folgend, „geben Sie mir Ihre Tochter. Ja, ich will Ihre Tochter heiraten. Ich will in Ihren Palast zu Worms einziehen. Ich will Gamaschen und Manschettenknöpfe tragen. Ich will im weißen Bademantel mit Ihnen am Frühstückstisch sitzen und mir Kaffee und warmes Gebäck aus Frankreich servieren lassen.“ „Ja, ich will Ihr Geld nicht“, sagte N, berauscht von den eigenen Worten, „ich will Ihre Tochter heiraten“. A. schaute N. stirnrunzelnd an. Er war verwirrt. Sowas hatte er in 45 Geschäftsjahren noch nicht erlebt. „Ich will auf der anderen Seite des Tresens stehen. Da, wo Sie gerade stehen.“ Fuhr N. fort. „Ich will all das häßliche Geschmeide an reiche und ebenso häßliche dicke Weiber verkaufen und abends will ich dann nach Hause kommen und mir von Ihrer Tochter die Slipper bringen lassen.“ „Sie sind ja verrückt“ stieß A. hervor und schüttelte energisch seinen Kopf. „Ihr Verhalten ist empörend und beschämt uns beide. Und jetzt lassen Sie mich in Frieden. Ich habe Wichtiges zu tun. Ich muss ein Geschäft führen. Auf Wiedersehen!“. „Schade“ N. blickte sich im Verkaufsraum um. Der matte Schein der Straßenbeleuchtung spiegelte sich in seinem Blick wider und umgab ihn mit einer Aura der Melancholie. „Schön wäre es gewesen“ dachte er, „wirklich schön. Wir hätten uns bestimmt gut verstanden, wenn wir uns erst einmal näher gekannt hätten“. Dann drückte er ab.

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