Vom Trivialsport lernen

Elektrisierend.
Dramatisch.
Erlösend.
Tragisch.
Ein endloses Wechselbad der Gefühle.

(… hier Platz für weitere Attribute, die eine nervenaufreibende Berg- und Talfahrt der Gefühle beschreiben)

Die letzten Wochen der Fußball-Bundeligasaison hatten alles, was man sich von gutem Sport wünscht. Wieder einmal. Wie eigentlich jedes Jahr. Obwohl der Meistertitel schon seit Ewigkeiten vergeben ist. Denn das, was die Massen in ihren Bann gezogen hat, das, was in jeder Kaffeecke, auf jedem Schulhof hitzig diskutiert wurde, spielte sich nicht in der oberen Tabellenhälfte ab, sondern ganz unten, im tiefsten Abstiegssumpf. Fünf, sechs Mannschaften rangelten seit Wochen um die magischen Plätze oberhalb der ominösen Linie. Die rote Laterne wurde von Spieltag zu Spieltag herumgereicht, wie die Dorfschönheit beim Schützenfest. Im Minutentakt wechselten die Positionen. VfB abgestiegen. VfB gerettet. HSV weg. HSV Relegation. HSV sichert Klassenerhalt in letzter Minute. Freiburg gerettet. Freiburg muss zittern. Ganz Freiburg ein Tränenmeer. Großes Kino. Deshalb lieben die Menschen den Fußball. Es gibt immer etwas zu diskutieren. Meisterschaft, Champions League, Europa League, Pokal, Abstieg. Irgendwo ist immer Spannung.

Und im Eishockey? Da beginnt die Saison Mitte September und bereits Anfang November sind für manche Kellerkinder die Playoff-Ränge in weiter Ferne, das Ziel verfehlt, die Saison praktisch abgehakt. Setzen Sechs. Es folgten noch drei Monate voller Langeweile und Emotionslosigkeit. Nach vorne geht nichts mehr, Abstieg gibt’s keinen. I’m just a hockey player on holidays in good old Germany. So what?

Man kann es drehen und wenden wie man will: der fehlende Auf- und Abstieg ist und bleibt der Geburtsfehler der Deutschen Eishockey Liga. An der Tabellenspitze herrscht Hochspannung, es wird großartiger Sport geboten, doch im Tabellenkeller herrscht Tristesse und Langeweile. Muss ich erwähnen wie sehr ein Relegationsderby Wild Wings – Bietigheim die Massen elektrisiert hätte?

Deshalb möchte ich ein Plädoyer für die sportliche Verzahnung der beiden höchsten deutschen Eishockeyligen halten.

Natürlich hatten die Väter der DEL anno dazumal ihre Gründe für eine geschlossene Gesellschaft. Schließlich gab es so oder so keinen sportlichen Auf-/Absteiger, sondern die wirtschaftliche Lage der Klubs entschied Jahr für Jahr über die Ligenzugehörigkeit. Doch die heutige Situation ist nicht mehr vergleichbar mit der der 90er Jahre, als praktisch jedes Jahr zwei, drei oder mehr Vereine pleite gingen. Es wird mittlerweile doch etwas seriöser gewirtschaftet. Die DEL ist eine attraktive Liga, die Hallen sind toll, und auch die DEL2 hat in den letzten Jahren sportlich zugelegt. Beide kranken aber an der fehlenden Verzahnung. Die Langeweile im Tabellenkeller der DEL habe ich schon beschrieben. Und dass der Zweitligatitel ist ein Muster ohne Wert, der Kampf um die sprichwörtliche goldene Ananas ist, muss ich wohl niemandem näher erläutern.

Deshalb drängt sich doch eigentlich folgendes Szenario förmlich auf: DEL-Letzter steigt direkt ab, dafür kommt der Zweitligameister hoch, DEL-Vorletzter und DEL2-Vizemeister spielen eine Relegation. Hört sich toll an und ist aus sportlicher Sicht sicher mehr als nur wünschenswert. Doch wie sieht es aus organisatorischer und wirtschaftlicher Sicht aus? Kann das funktionieren? Die DEL-Hauptrunde endete am 04.03., der Zweitligameister stand erst Ende April fest. Hier muss also etwas getan werden. Andererseits: eine Relegationsrunde im Mai nach 8 Wochen Spielpause wäre sicher auch reizvoll. Um im Eishockey gibt es bekanntlich nichts was es nicht gibt.

Aber Spaß beiseite. Man könnte sicherlich die Saison für die DEL-Kellerkinder durch eine Abstiegsrunde um, sagen wir, drei Wochen verlängern. Aber spätestens Ende März müssten damit die DEL2-Playoffs beendet sein. Das kann nur durch früheren Saisonbeginn, Straffung des Spielplans oder Reduzierung der Playoff-Serien von Best-of-Seven zu Best-of-Five erreicht werden. Ich höre schon den Aufschrei.
Oder wäre eine gemeinsame Relegation der letzten drei DEL und er ersten 4 DEL2-Teams denkbar?

Hinzu kommt das leidige Thema Kontingentspieler: die DEL erlaubt 9, DEL2 nur 5 ausländische Spieler. Das grenzt bei einer Relegation an Wettbewerbsverzerrung. Dazu die strategische Positionierung der DEL2 – reine Ausbildungsliga nach Vorbild der nordamerikanischen Farmteams oder starker, autarker und attraktiver Unterbau? Im ersten Falle müsste die Zahl der nicht-deutschen Spieler in der DEL2 weiter reduziert werden, um mehr Nachwuchsspielern Spielparks zu ermöglichen, im zweiten Falle wäre eine Harmonisierung zwischen DEL und DEL2 wünschenswert und notwendig. Fragen über Fragen.

Und ein weiterer Punkt ist nicht unerheblich: Ein Abstieg darf nicht im völligen und totalen Untergang, in der Quasi-Liquidierung enden. Ein Abstieg muss selbstverständlich schmerzhaft sein, schließlich hat man die Saison ja in den Sand gesetzt. Aber es muss möglich sein, auch in der unteren Liga wirtschaftlich zu überleben und natürlich muss ein Wiederaufstieg machbar und erstrebenswert sein. Auch hier wieder das Beispiel Fußball: Freiburg hat bereits nach wenigen Trauertagen mit dem Neuaufbau des Team begonnen und peilt die direkte Wiederkehr ins Oberhaus an. Unter den Freiburger Fans ist bereits jetzt eine Aufbruchsstimmung und Vorfreude auf die neue Saison zu spüren-

Und nicht zu vergessen: ein in letzter Spielminute verhinderter Abstieg, sei es auch durch einen noch so unberechtigten Freistoß, kann eine ganze Saison retten. Denn die Spielzeit wurde schließlich jubelnd mit einem Erfolgserlebnis beendet. Und dieses Gefühl überdeckt  jede noch so grottige Saison. So ist er halt, der Fan. Fragt mal nach in Stuttgart und Hamburg, die sind alle so stolz auf ihre Jungs.

 

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