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Ich muss meine Gedanken sortieren. So viel ist passiert in den letzten Tagen. Ein Flugzeug ist abgestürzt. Mitten in Europa. Ein Flugzeug, eine Airline, mit der die meisten von uns schon geflogen sind. Die Einschläge kommen näher. Es hätte jeden von uns treffen können. Schlimm genug. Doch der Alptraum geht weiter. Der Copilot soll die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben. Unfassbar. Unbegreiflich. Warumwarumwarum.
Aber irgendwie ist mir die Faktenlage zu dünn. Irgendwie passen die Bruchstücke, die Informationshäppchen, die man uns zuwirft, nicht zusammen. Reiseflughöhe erreicht. Pilot geht mal für kleine Piloten. Copilot beginnt Sinkflug. Der Pilot hat das sicherlich sofort bemerkt und eilt zum Cockpit zurück. Tür verriegelt. Noch acht Minuten. Eine lange Zeit. Klopfen an der Tür. Mach auf. Lass mich rein. Wieso holt sich der Pilot keine Hilfe bei den Passagieren? Wenn 5,6 kräftige Männer die Tür bearbeiten müsste das auf dem Voicerecorder zu hören sein. Wieso gibt es keine Anrufe? Keine SMS? Keine Tweets aus dem Flugzeug?
Ich will nicht spekulieren. Aber das passt nicht so recht zusammen. Solange darf es auch keine Verurteilung geben. Erst recht keine Hexenjagd. Wie muss sich die Familie des jungen Copiloten fühlen? Wer gibt Journalisten das Recht, in sozialen Netzwerken nach Bildern des Täters und der Opfer zu fischen? Wer gibt ihnen das Recht, Schulkameraden der Opfer Geld für Bilder und/oder Interviews zu geben? Diese Tragödie wirft Schlaglichter auf so viele Abgründe. Lufthansa. Das steht in einer Reihe mit Mercedes, Bosch, Franz Beckenbauer und dem HB-Männchen. Ein deutsches Sinnbild. Eine Ikone. Vielleicht eine Ikone, deren glorreiche Vergangenheit die Kratzer der Gegenwart überstrahlt, aber eine Ikone. Gedankenfetzen. Vielleicht hat mich genau dieser Pilot letztes Mal nach Berlin geflogen. Vielleicht hätte er schon im November diesen Gedanken. Es fehlte nur die Gelegenheit. Jede Sekunde verhungert ein Kind. Keinen interessiert es. Dann komplette Hysterie wegen eines Flugzeugs. Ich merke selbst, wie mich das Thema aufwühlt. Betroffenheit unterliegt scheinbar dem Lokalpatriotismus. Ich habe jedenfalls noch keinen Artikel über den Hunger in der Welt geschrieben. Medien berichten im Minutentakt. Twitter läuft über vor Wut. Schäumt vor Gutmenschentum. Diese profitgeilen Medien. Liveticker einer Katastrophe. Widerlich. Wie reagieren die Märkte? Lufthansa Aktie um 2,5% abgestützt. Doch wieso tun sie das? Weil wir alles es wollen! Weil wir ihre ekligen Artikel klicken wie verrückt. Weil wir live dabei sein wollen. Weil wir nach jedem einzelnen Satzfetzen lechzen. Und alle machen mit. Einer schreibt vom anderen ab. Journalismus bedeutet Fakten zu verifizieren, einzuordnen, zu bewerten. Kein Liveticker kann das. Doch die Digitalisierung hat uns daran gewöhnt, ich Echtzeit überall dabei zu sein, egal was es ist. Jeder drückt wortreich seine Sprachlosigkeit aus. Wir müssen noch viel lernen, in dieser kleinen, vernetzten Welt, in der kaum Zeit bleibt, um durchzuatmen, um seine Gedanken zu ordnen.
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One Comment
  1. Sehr schöner Artikel. Genau diese Gedanken sind mir zu diesem Thema auch in den Sinn gekommen. Es ist schon traurig wie hier Journalismus gemacht wurde- es wurde vor allem gleich ein Schuldiger gefunden, der dann sogar mit vollem Namen durch (einen Teil der) Medien ging. Hat da auch mal jemand dran gedacht, dass auch der Copilot Familie hat? Irgendwie passt das alles zu gut zusammen. Meine Anteilnahme gilt allen Hintebliebenen der Opfer auch denen des Copiloten.

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